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Operation Neptun


Artikel von Claus Wietek aus dem Straubinger Tagblatt vom 03.09.2013

Eine Aktion des tschechoslowakischen Geheimdienstes am Černé jezero / Schwarzer See und eine Sonderausstellung im Šumava-Museum in Zelezna Ruda

Zugegebener Maßen haben wir schon einen gewissen Faible mitgebracht für solche Geschichten, für Spionagegeschichten nach bester James Bond-Manier welche im Šumava-Museum in Železná Ruda gezeigt wird und das wir besucht haben. Seit Juli diesen Jahres läuft diese Sonderausstellung die Zdeněk Roučka zusammengestellt hat und sie ist noch bis zum Herbst 2014 zu sehen, dann ist es 50 Jahre her als "Akce Neptune" gestartet wurde.
Das Museum selbst ist leicht zu finden, es befindet sich an der Hauptstraße nach Klatovy, ca. 350 Meter unterhalb der markanten Kirche mit ihrem mächtigen Zwiebelturm. Die ausgestellten Exponate zeigen im wesentlichen die Werkzeuge zur Glasherstellung und das Leben der Familie Abele, einer berühmten Glasmacherdynastie. (Georg Christoph Abele 1786 - 1833). Aber zwei Räume in dem 1877 errichteten Gebäude widmen sich der abenteuerlichen Geschichte die sich 1964 am Černé jezero/ Schwarzer See abspielte, der sich ganz in der Nähe befindet und den wir im Anschluss besucht haben. Die ausgestellten Dokumente, die allermeisten sind nur in tschechischer Sprache, beschreiben den Ablauf dieser spektakulären Aktion. Auch ein Video mit Unterwasseraufnahmen bei der Bergung der Kisten und deren nachfolgender Transport wird gezeigt.
Am 8. Mai 1965 wäre die Verjährungsfrist für Nazi-Verbrechen in Deutschland abgelaufen und nicht alle Kriegsverbrecher waren bisher verurteilt worden. So startete der Geheimdienst der Tschechoslowakei, kurz STB (Státní bezpečnost), 1964 diese Aktion um darauf aufmerksam zu machen. Aber es steckte noch mehr dahinter.
So wurde in der Nacht zum 21. Juni 1964 vier sorgfältig präparierte Kisten, die aussahen als seien sie schon seit Jahren auf dem Grund des Sees gelegen, dort versenkt. Kopf der Aktion war Ladislav Bittman, stellvertretender Leiter der Abteilung für Desinformation, Codename Brychta.
Der Aktion kam der Zufall zu Hilfe als "Zvědavá kamera", die "neugierige Kamera", eine damals populäre TV-Serie, die im lange gesperrten Grenzgebiet liegenden Seen Čertovo jezero / Teufelssee und Černé jezero / Schwarzer See untersuchen, im wahrsten Sinne des Wortes ergründen, wollten.
Sporttaucher stiegen am 03. Juli 1964 zum Grund des Sees ab, geführt wurden sie? - genau, von Genosse Brychta, der sie schon an die richtige Stelle lotste an der die Kisten versenkt worden waren. Mit enormen Medienaufgebot wurden die Behälter dann geborgen, keiner durfte sie öffnen. Über Sprengfallen wurde gemunkelt. In Wahrheit waren die angeforderten Dokumente aus Moskau, die in die Kisten gepackt hätten werden sollten, zu spät eingetroffen. So war zum Teil nur leeres Papier der "Geheimnisträger". Der See wurde für die Öffentlichkeit gesperrt, die Kisten nach Prag gebracht. Am 16. Juli bestätigte das Innenministerium, dass die Kisten Nazi-Dokumente enthalten und Taucher die zwischenzeitlich den See weiter abgesucht hatten, fanden tatsächlich auch noch Sprengstoff und Reste eines Flugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg.
Die Neugier der Journalisten war geweckt, die Schriftstücke aus russischen Archiven inzwischen eingetroffen und konnten präsentiert werden. An der Pressekonferenz am 15. September nahmen auch 25 italienische, 18 westdeutsche und 7 österreichische Zeitung teil.
Die Dokumente enthielten unter anderem Namen von westdeutschen Politikern des Bundestags und von Funktionären verschiedener Organisationen z. B. der sudetendeutschen Verbände. Aus den Schriftstücken ließ sich bei dem ein oder anderen die Zusammenarbeit mit der Waffen-SS oder der Gestapo im Zweiten Weltkrieg belegen, teils bekleideten sie inzwischen hochrangige Posten. Es folgten einige Selbstmorde, manche Personen verschwanden still aus dem politischen Geschehen.
Auch aus dieser Problematik heraus entwickelte sich dann die sogenannte „Verjährungsdebatte“ im Deutschen Bundestag. Damals galt in der Bundesrepublik Deutschland noch eine Verjährungsfrist von 20 Jahren auf Mord, als Zeitpunkt galt der 08.05.1945, der Tag der Kapitulation der Wehrmacht. Somit wären 1965 Morde aus Zeit des NS-Regimes verjährt gewesen. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland forderte im November 1964 alle Staaten dazu auf, ihr belastende Dokumente zur Verfügung zu stellen und verlängerte die Verjährungsfrist zunächst auf das Jahr 1969, später auf 1979, ehe die Verjährungsfrist für Mord ganz aufgehoben wurde.
Die Ereignisse am Schwarzen See verschlechterten auch die Beziehungen zwischen Italien und Deutschland, da auch Namen von Personen veröffentlicht wurden die während des Krieges gegen Italien gearbeitet hatten. Insgesamt wurde der Eindruck erweckt, dass die Bundesrepublik Deutschland der Nachfolger von Nazi-Deutschland sei.
Aufgeflogen ist die ganze Aktion von Ladislav Bittman als er im August 1968, nach dem Prager Frühling in die USA floh und dort für den Secret Service arbeitete und auch in einem Buch darüber berichtete. Er ist in der CSSR dafür 1972 in Abwesenheit zum Tode verurteilt, jedoch 1994 von der Tschechischen Republik rehabilitiert worden.
Der Černé jezero / Schwarzer See lässt sich bequem vom bewachten und gebührenpflichtigen Parkplatz Špičák aus erreichen. Mystisch liegt er mit seinem dunkel erscheinenden Wasser unter einer 330m hohen Steilwand. Am Westufer entlang ist es möglich bis an den Ort zu wandern an dem früher ein Pavillon stand. Hier erscheint das Wasser fast türkisblau. Eine Sitzgruppe lädt zu einer Rast ein. Der See ist mit 18,4ha der größte Gletschersee im Böhmerwald und hat eine beachtliche Tiefe von nahezu 40m. Seit 1911 ist er zusammen mit dem Čertovo jezero / Teufelssee Naturschutzgebiet.





Černé jezero/ Schwarzer See




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