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Das vergessene Tal

Eine Wanderung zum verschwundenen Dorf Fichtenbach (Bystřice) am Fuße des Čerchov.
Auf den Spuren von Glasmachern, eine Reise nach Amerika, von Nazi-Schergen und der Geheimdienstoperation „Akce Kameny“


Der kleine Ort Voithenberghütte bei Furth im Wald ist der Ausgangsort für eine Reise in eine andere Welt. In eine Welt in der das Leben erst spät Einzug hielt und nach etwas mehr als zwei Jahrhunderten dort auch schon wieder verschwunden war. Sich die Natur wieder nahezu ungestört ausbreiten konnte. Mächtige Kastanienbäume begleiten uns zunächst bis zur Grenze nach Tschechien. Das Laub ist herbstlich verfärbt, große Blätter bedecken die Straße. Es macht Spaß mit lautem Rascheln zu schlurfen. Die weißblauen Pfosten und frisch gestrichene Grenzsteine verdeutlichen uns bald die von Menschen geschaffene Linie, welche über so viele Jahre trennte. Nur leicht ansteigend führt die Route immer weiter in den böhmischen Talkessel, dichter Fichtenwald begleitet uns. Mehr und mehr öffnet sich die Schneise, in der der Weg verläuft, in eine große freie Fläche. Die Wiesen sind gemäht obwohl weit und breit kein Hof, keine Menschenseele zu sehen ist. Eine Allee mit 160 Jahre alten Eichen führt scheinbar ohne Ziel, einfach in die Weite. Bis zu vier Meter Umfang haben die mächtigen Baumriesen. Wir sind da, wo die Fuchshütte, Fichtenbach oder Bystřice, wie es im Wechsel der Zeit genannt wurde, einst war. Nur knappe drei Kilometer sind wir gegangen in das „Vergessene Tal“, wie es der Schriftsteller Jan Vrba in seinem Roman genannt hat, den er 1925/26 verfasst hat. Zu dieser Zeit war die Blüte des Ortes schon am verwelken. Die einst stolzen Gebäude der Glasmacher waren zum Teil bereits am verfallen. Was war passiert? Die Glashütte war 1710 erstmals erwähnt worden, vorher war das Tal nicht besiedelt. Georg Schmaus hatte sie gegründet. Man nutzte den Holzreichtum der Gegend zum Brennen der Asche, die man zur Glasherstellung benötigte und zum Heizen der Schmelzöfen. Der benötigte Quarz kam vom nahegelegenen Böhmischen Pfahl. Mit der Zeit entstand das Dorf Fichtenbach und eine zweite Glashütte kam hinzu. Die Besitzer wechselten: Die Familie Fuchs verkaufte 1823 ihren Besitz an Philipp Graf Kinsky, welcher eine Vielzahl an Schleif- und Polierwerken und das sogenannte Schlösschen, den Gutsherrensitz, errichtete. In einer dieser Schleifereien hatte auch ein junger Mann aus Šitboř gearbeitet. Er hatte sich hier mit seiner hübschen Frau niedergelassen und in seinem Heimatdorf das Gerücht gestreut er würde nach Amerika auswandern. Gegen den Willen seiner Eltern hatte er seine Geliebte zur Frau genommen und so keinen guten Stand zu Hause. Als sein Vater davon erfuhr, dass er im Fichtenbacher Tal arbeitete und die „Neue Welt“ nicht allzu weit entfernt war, besuchten sie ihn und nannten die Gegend augenzwinkernd „Amerika“. Selbst heute noch findet man diese Bezeichnung in den Karten. Die industrielle Revolution beeinflusste das Geschehen auch in diesem Tal. Es gab lukrativere Standorte als diese abgeschiedene Gegend, die Kriege taten ihr Übriges. So war nach dem Weltkrieg II. die Glasindustrie bereits erloschen und die Bewohner arbeiteten meist als Forstarbeiter. Als dann 1950 die Grenzzonen errichtet wurden, die nur noch mit Sondergenehmigung betreten werden durften, war dies der endgültige Todesstoß für das Dorf. 1956 war, mit Ausnahme des Schulgebäudes, des Herrenhauses und der Villa, alles dem Erdboden gleichgemacht worden. Bulldozer planierten das Gelände. Das Schulhaus verfiel langsam, den Rest besetzte die Grenzwache und wurde zur Kaserne umgebaut. Wir schleichen durch dieses Relikt des Kalten Krieges. Einige Fenster des einst stolzen Gebäudes sind mit Brettern vernagelt, bei anderen die Glasscheiben eingeworfen. Der Putz bröckelt überall von den Wänden. Die maroden Garagen der Einsatzfahrzeuge werden noch von jemandem genutzt. Landwirtschaftliches Gerät ist untergebracht. Unser beklemmendes Gefühl weicht erst etwas, als wir das hintere Tor passieren. Über eine alte, kunstvoll aus Lesesteinen errichtete Brücke marschieren wir weiter bergauf. Links und rechts sind noch ansatzweise die Fundamente der Gebäude zu erkennen. Gräben, welche früher das Wasser für die Antriebe verteilten, ziehen jetzt sinnlos durch die Landschaft. An manchen Stellen findet man noch Scherben des grünen Waldglases. Wir überqueren eine Wiese und weiter oben steht einsam ein steinerner Torbogen auf einer Lichtung im Wald. Gehauener Granit hat all dem widerstanden und ist doch für nichts mehr gut. Die Rinne für die Kugeln einer Kegelbahn ist noch erkennbar. Eingebrochene Kellerdecken bilden mitten im Gelände tiefe Löcher und machen die Exkursion nicht ungefährlich. Wir befinden uns in oder besser gesagt, auf der einstigen Villa, bzw. dem was davon übrig geblieben ist. Um uns Berge an Schutt aus dem bereits meterhohe Bäume wachsen. Auch dieses Gebäude war mit den Glashütten errichtet und dann später, zur Zeit des NS-Regimes, für ausschweifende Feste benutzt worden. Der damalige Gauleiter Fritz Wächtler mit seine Konsorten hatte sich hier und vor allem im nahen Herzogau ausgebreitet, bis er von den eigenen Leuten wegen Feigheit vor dem Feind erschossen wurde, als im April 1945 die 3. US-Armee im Anmarsch war und letztlich bis nach Pilsen vordrang. Aber diese Gebäudereste sind auch noch Zeugen einer anderen Aktion, welche sich in dieser Gegend, hauptsächlich um Všeruby / Neumark und Hranicna / Paadorf, abgespielt haben. Aber auch im „Vergessenen Tal“ soll die Operation „KAMEN“ durchgeführt worden sein. Kamen wie Stein, wie Grenzstein. Nach dem Februarumsturz 1948 war die kommunistische Partei in der ČSSR an die Macht gekommen, sie folgte der Politik Stalins († 05.03.1953) und nicht jedermann war damit einverstanden. Um dieser politisch „unliebsamen Personen“ Herr zu werden begann im Mai 1948 der StB (Státní bezpečnost), der Geheimdienst der damaligen Tschechoslowakei, mit dem Aufbau von vermeintlichen westlichen Grenzstationen. Sie befanden sich zwar in Grenznähe, aber noch ausreichend weit auf dem Hoheitsgebiet der ČSSR. Whiskey trinkende, Kaugummi kauende Soldaten in Uniformen der US-Army, Pop-Musik und das Sternenbanner perfektionierten diese Illusion von einem Posten des CIC, des amerikanischen Counter Intelligence Corps. Bei der Operation „KAMEN“ wurden gezielt ausgewählte Personen von Provokateuren des tschechoslowakischen Geheimdienstes angesprochen, sie gaben vor, von der CIC geschickt worden zu sein. Sie „warnten“ ihre Opfer, sie seien aufgrund ihrer politischen Einstellung in Gefahr verhaftet zu werden und sie verleiteten sie dazu das Land zu verlassen. „Schleuser“ brachten sie an die „Grenze“. Sie wurden befragt, füllten bereitwillig Formulare aus, berichteten euphorisch über die Helfer ihrer Flucht. Aber es waren StB-Agenten wie Amon Tomasoff, sein Code-Name war „Tony“, der im fließenden Englisch die Fragen stellte. Nach diesen Gesprächen wurden sie zu „Sammellagern“ geschickt, ihre persönlichen Gegenstände und Wertsachen blieben in der Station. Unterwegs „verliefen“ sich die „Helfer“ oder ihr „Asylantrag“ wurde abgelehnt. Das Ergebnis war immer das gleiche: die tschechoslowakische Grenzwache verhaftete sie und sie landeten für Jahre im Gefängnis oder im Arbeitslager. Die unterschriebenen, ausgefüllten Fragebögen waren die Beweismittel für ihre Verurteilung. Ihren ganzen Besitz, Wohnungen, Häuser und vieles mehr, rissen sich großteils die Agenten des StB untern den Nagel. Das ging so weit, dass hierfür auch nicht regime-gefährliche Personen ausgewählt wurden, nur um sich bereichern zu können. Nur selten wurde einige der Opfer misstrauisch, wie Oldrich Malac. Er erkannte den tschechischen Zeichensatz auf der Schreibmaschine des „US-Army-Offiziers“ und auch die Art Englisch die sein Gegenüber sprach, viel ihm auf. Er war während des Krieges in den USA gewesen und kannte die Sprache. War sich bald bewusst, dass er von Schauspielern umgeben war und verweigerte die weitere Zusammenarbeit, was ihn auch nicht rettete und 15 Jahre Zwangsarbeit einbrachte. Bereits im Juni 1948 protestierte die amerikanische Regierung gegen die Verwendung ihrer Hoheitsabzeichen, aber die Aktionen wurden erst 1951/52 gestoppt als Radio „Free Europe“, bekannt auch als „Stimme der freien Tschechoslowakei“ darüber berichtet hatte – es folgte der Bau des mit elektrischer Hochspannung gesicherten „Eisernen Vorhangs“.
Auf dem Rückweg folgen wir ein Stück der Kalten Pastritz, der Chladná Bystřice wie der Bach offiziell genannt wird. Er gibt heute der ganzen Gegend den Namen. Fichtenbach wurde ausgelöscht, selbst der Name existiert nicht mehr.


Quellen:
http://www.totalita.cz/stb/stb_a_kameny.php
http://www.ustrcr.cz/data/pdf/vystavy/kralove-sumavy/katalog.pdf
https://www.cia.gov/library/center-for-the-study-of-intelligence/csi-publications/csi-studies/studies/vol.-55-no.-1/kamen-a-cold-war-dangle-operation-with-an-american-dimension-1948-1952.html

Wanderungen durch die verschwundenen Ortschaften des Böhmischen Waldes I. Kreis Taus
Autor: Zdeněk Procházka / Verlag: Nakladatelství Českého lesa







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