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Bystřice (Fichtenbach)

entnommen aus dem Buch
"Wanderungen durch die verschwundenen Ortschaften des Böhmischen Waldes I. Kreis Taus"
von Zdeněk Procházka, Verlag: Nakladatelství Českého lesa
(mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags)

1789 Fichtenbacher Glashütten, Fichtenbach
1918 Fuchsova Huť
1945 Bystřice
Kataster Folmava (Vollmau), Landkreis Domazlice

Fichtenbach, auch Fuchsova Huť (Fuchshütte) genannt, gehörte in der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik zu den beliebten Ausflugszielen für Wanderer aus Taus und dem nahen Babylon. Dieses vergessene Tal mit seinen Glashütten und Schleifwerken, umgeben von den steilen Hängen des Schwarzkoppemassivs, beschrieb der Schriftsteller Jan Vrba in seinem 1926 erschienenen Roman, den er treffend Zapomenuté údolí „Das vergessene Tal“ nannte. In das Tal, wo einst die Kamine der Glashütten rauchten und in den Glasarbeiterkneipen ein fröhliches Leben pulsierte, ist längst wieder die Stille der Wälder des Schwarzkoppemassivs eingekehrt.
Bystřice, wie heute das untergegangene Dorf genannt wird, gehört zu den Orten mit einer reichen Geschichte, die man in Bezug auf verschiedene Themen bearbeiten kann. Die Hauptursache für die Entstehung der Ortschaft war die Glasproduktion, für deren Entstehung sich hier äußerst günstige Bedingungen darboten, vor allem große Vorräte an Holz und mineralischen Rohstoffen, aber auch Gebirgsbäche, die die Wasserräder der Glasveredelungsbetriebe, der Quarzbrechen und weiterer Industrieanlagen antreiben konnten.
Das damals menschenleere, aber äußerst reizvolle Tal der Kalten Pastritz [Chladná Bystřice], in dem die Fichtenbacher Hütte gegründet wurde, gehörte ursprünglich zu Bayern. Erst nach dem sog. Spanischen Erbfolgekrieg kam dieses waldreiche Gebiet im Jahr 1707 an das Königreich Böhmen und unter die Verwaltung der Stadt Taus (Domažlice). Als Gründer der hiesigen Glashütte, die 1710 zum ersten Mal erwähnt wurde, wird Johann Georg Schmaus angesehen. Im Jahr 1713 ist von einer Glashütte in den der Stadt Taus gehörenden Grenzwäldern die Rede, die Fensterglas und Perlen für Rosenkränze, sog. "Paterln", herstelle. 1753 erscheint dann bereits das Dorf Fichtenbach mit 10 Häusern und einer Gemeindeschmiede. Pächter der Glashütte war bis 1765 die Familie Schmaus. Danach wurde die Hütte von der Familie Fuchs übernommen.
Zu deren Zeit arbeiteten dort 13 Glasmacher und 23 Gehilfen. 1793 werden in Fichtenbach erstmals zwei Glashütten mit sechs Schmelzwannen zur Erzeugung von Fensterglas angeführt (es handelt sich um die ältere Untere und die jüngere Obere Fichtenbacher Hütte, die über 1 km voneinander entfernt waren). Obwohl Fichtenbach nach Taus eingepfarrt war, gingen die Glasmacher zum Gottesdienst in das um vieles näher gelegene Städtchen Furth im Wald. Die bayrischen Nachbarn erhoben jedoch immer noch Anspruch auf das Tal, das sie durch den Grenzvertrag verloren hatten, und die Bewohner von Fichtenbach sowie der Eigentümer der Glashütte Anton Fuchs wurden beim Kirchgang im bayrischen Furth häufig angegriffen.
Fuchs ließ deshalb 1772 in der Nähe der Glashütte eine Kapelle errichten, die er und seine Beschäftigten gefahrlos benutzen konnten. Unter Benedikt Fuchs, dem letzten Spross der Familie, kommt es zum völligen Niedergang der Glashütten im Fichtenbacher Tal.
1823 kauft Philipp Graf Kinsky die in Konkurs gegangene Hütte für 73200 Gulden und eine jährliche Pacht von 600 Gulden; sie sollte ihm zu einer kontinuierlichen Produktion von Glas für die weit entfernte Spiegelfabrik in Bürgstein (Sloup) bei Böhmisch Leipa (Česká Lípa) dienen. Unter den Kinskys wurde in dem Tal eine Kaskade von Schleif- und Polierwerken errichtet, deren erfindungsreiche Anlagen durch Wasser aus der Kalten Pastritz angetrieben wurden.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Holzvorräte in den Wäldern rund um die Fichtenbacher Glashütten fast völlig erschöpft und die Stadt Taus will in der sog. Oberen Fichtenbacher Hütte keinen weiteren Betrieb mehr zulassen. 1872 verkauft die Gräfin Elisabeth Kinsky die Fichtenbacher Hütte für 900000 Gulden an die Bank Kredit Feucier, die sie dann an die Firma Kupfer & Glaser weiterveräußert. Diese Firma blieb Eigentümer der Glasmacherbetriebe bis zu deren völligem Erliegen.
1908 wurde die Glashütte nach Kriegern (Kryry) bei Podersam (Podbořany) verlegt, doch wurden in Fichtenbach bis ins Jahr 1934 weiterhin Kleingegenstände und touristische Andenken aus Glas gefertigt (ausführlich dazu Procházka, 2003, 193-197).
Aus den bei der Unteren Fichtenbacher Hütte errichteten Glasarbeiterkolonien entwickelte sich allmählich das Dorf Fichtenbach. 1839 standen hier neben der Glashütte und vier Glasveredelungsbetrieben (Schleif- und Polierwerken) 25 Häuser mit 151 Bewohnern.
1852 beschäftigten die Fichtenbacher Glashütten über 60 Glasarbeiter, 34 Holzfäller und 3 Fuhrmänner. In den Veredelungsbetrieben arbeiteten 20 Schleifer, 18 Polierer, 4 Spiegelbeleger, 1 Facettenschleifer und 30 sog. Nachschleifer.
Neben den Wohnhäusern und den Industriebauten gab es hier auch noch ein Schlösschen, das durch wiederholte Umbauten des Hauses der Glashüttenbesitzer entstanden war. Das eigentliche Schlösschen wurde unter den Grafen Kinsky errichtet.
Zu ihm gehörte auch ein Garten mit Gewächshaus, 125 ha Felder, 175 ha Wiesen und 250 ha Wald. In seiner Nähe stand die Kapelle St. Karl. Jenseits des Baches wurden ein Wirtschaftshof und das Glasarbeiterwirtshaus errichtet, das in der weiten Umgebung als größter Abnehmer des Tauser Biers berühmt wurde.
Zwischen der Unteren und der Oberen Fichtenbacher Hütte erstreckt sich ein Tal, das Amerika genannt wurde es ist von Zuleitungsgräben durchzogen, die zu den Schleif- und Polierwerken führten. An die Entstehung dieses Namens knüpft sich eine lustige Geschichte, die von einem jungen Mann aus Schüttwa (Šitboř) bei Ronsperg (Pobežovice) handelt. Dieser hatte sich gegen den Willen seiner Eltern mit dem von ihm geliebten Mädchen verheiratet, und weil ihm zu Hause ein glückliches Leben unmöglich gemacht wurde, ließ er sich seinen Anteil am Grundbesitz auszahlen und streute im Dorf aus, er werde nach Amerika auswandern. Bereits vorher hatte er sich aber Arbeit in einer der Fichtenbacher Schleifereien besorgt. Nach einiger Zeit erfuhren sein Vater und seine Brüder jedoch von seinem Zufluchtsort, machten einen Besuch in der Schleiferei und nannten sie spöttisch Amerika. Diese witzige Bezeichnung fand in dem fröhlichen Schleifervölkchen Anklang und die Schleiferei und ihre Umgebung nannte niemand mehr anders als Amerika.
Die am nordwestlichen Ende des Tals gelegene Obere Fichtenbacher Hütte erlebte nie einen wirklichen Aufschwung. Sie war immer nur ein in der Einsamkeit stehender Glasmacherbetrieb, der früher unterging als die Glashütten in Unterfichtenbach. Das Leben in Fichtenbach in den Jahren 1910-1930 schildert in seinem Buch der bereits erwähnte Schriftsteller Jan Vrba, der uns mitteilt, Sigmund Glasser, der letzte Gesellschafter der Glashütte, habe diese einschließlich der Wälder und des Jagdrechts nach seinem Weggang an seine ehemaligen Beschäftigten verpachtet. Im Tal begann wieder ein fröhliches Leben zu herrschen und aus den Glasarbeitern wurden auch Weidmänner, über die die professionellen Jäger nur ungläubig den Kopf schüttelten. Nach einer gewissen Zeit war die Glasmachergemeinschaft jedoch nicht mehr fähig, die Pacht zu bezahlen, und so entschied sich der Eigentümer, die verschuldete Waldherrschaft mit dem heruntergekommenen Schlösschen und den verfallenden Glashütten und Schleifereien zu verkaufen.
Um ihr einstiges Eigentum bemühte sich auch die Stadt Taus, schließlich aber kaufte das Objekt ein Holzhändler aus Preußen und die Mehrheit der Glasmacher ging zur Waldarbeit über. Die Stadt Taus erwarb ihr Glasmachergut erst nach dem Ersten Weltkrieg zurück, als die Wälder bereits ausgebeutet und die Glashütten verödet waren.
Jan Vrba drückt sich über das Dorf Fichtenbach folgendermaßen aus:
"Es war eine ganz eigenartige Ortschaft. Alle Häuser waren kurz vor dem Zusammenfallen. Die Mauern zerbröckelt und verwittert, die Dachstühle windschief und aus den Bindungen gerissen, die Dächer ein Loch neben dem anderen, sodass es auch in den Stuben bei schönem Wetter sonnig war - und bei Regen konnte auch im Gebäudeinneren niemand daran zweifeln, dass es draußen regnete ... " .
Die Stadt Taus nutzte das Schlösschen, in dem es eine Reihe von alten Zimmern mit erhaltenem Mobiliar gab, für Erholungsaufenthalte hoher Staatsbeamter und der Ratsherren. Man erneuerte auch das Wirtshaus, das eine immer größer werdende Zahl von Sommergästen anlockte.
Auch eine tschechische Schule wurde gegründet. Die tschechische Minderheit in der Gemeinde bestand aus den Familien der Forstbeamten und des Verwalters des Meierhofs sowie einiger Gendarmen und Zollbeamten. Tschechen waren auch die Pächter des Wirtshauses und einiger Wohnhäuser. Soviel Jan Vrba über Fichtenbach in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
In den 1920er und vor allem in den 1930er Jahren änderte sich das Leben in dieser Industrieortschaft ganz wesentlich. Die Mehrzahl der Schleif- und Polierwerke war bereits verlassen und ihre Einrichtung abtransportiert oder zerstört. Teile einiger Gebäude waren zu Wohnzwecken hergerichtet. Die Glasarbeiter, die hier geblieben waren, ernährten sich als Waldarbeiter, die nebenbei den nach der Abholzung der Wälder gewonnenen Ackerboden bewirtschafteten. Andere hatten ihren Nebenverdienst als Schmuggler und Wilddiebe, wie sie hier schon immer zu Hause waren.
1930 standen hier 34 Wohnhäuser mit 331 Bewohnern, von denen 221 Deutsche waren und 97 sich zur tschechoslowakischen Nation bekannten. Die reizvolle Natur prädestinierte Fichtenbach für den Status einer Sommerfrische, die nicht nur von Menschen aus dem nahen Taus, sondern bis aus dem fernen Prag besucht wurde.
Die Nachkriegsentwicklung im Grenzgebiet nahm jedoch eine andere Richtung.
Im Dezember 1955 und Januar 1956 wurden das Dorf und die Industriebetriebe, da sie in der sog. Sperrzone lagen, durch schweres Gerät der Firma Zemstav abgebrochen. Das Schloss der Kinskys wurde nach dem Jahr 1945 zu einem Posten der Grenzwacht umgebaut. Die übrigen Gebäude außer der Schule, die als einzige das Wirtschaften in dem von Stacheldraht umgebenen grünen Königreich überlebte, sind verschwunden.
Nach dem Umsturz im November 1989 wurde der Stadt Taus ihr historisches Eigentum zurückgegeben, darunter auch das Tal der Kalten Pastritz, also Fichtenbach mit den umliegenden Wäldern. Heute ist für das Tal die Verwaltung der städtischen Wälder zuständig. Und da die Einfahrt in den Bereich des Tals mit Motorfahrzeugen verboten ist und man als Fußgänger eine Entfernung von mindestens 5 km bewältigen muss, wurde das "vergessene Tal" heutzutage ein noch vergesseneres.

Lage und Überreste Fichtenbach hatte nie das Aussehen eines typischen Dorfs. Es handelte sich immer um eine Industrieortschaft mit vielen unterschiedlichsten Betrieben, zwischen denen die kleinen Häuschen der am Ort Ansässigen völlig untergingen. Heutzutage steht in Fichtenbach lediglich noch der verwüstete Posten der Grenzwacht, dessen Gebäude in nichts mehr an das einstige Glasmacherschlösschen erinnert. Am Eingang des Dorfes steht an der Landstraße das fast völlig zur Ruine gewordene Schulgebäude. Die übrigen Ruinen gehören in erster Linie zu den einst mächtigen Gebäuden der Schleif- und Polierwerke, die an dem ganzen, beinahe 5 km langen Lauf der Kalten Pastritz entlang verstreut waren.
Zwischen der Oberen Fichtenbacher Hütte und der Staatsgrenze, wo die von den Hängen der Schwarzkoppe (Čerchov) kommenden Wasser Böhmen verlassen, lassen sich 21 teilweise erhaltene oder fast verschwundene Betriebe ausmachen, in denen einst das Glas aus den Fichtenbacher Glashütten geschliffen und poliert wurde. Im Bereich der Oberen Fichtenbacher Hütte ist nur ein Teich mit einem steinernen Damm erhalten, aus dem der Bach in das Tal Amerika fließt. In der Nähe des Damms stand eine ebenfalls "Schlösschen" genannte Villa, die erst in den 1960er Jahren abgerissen wurde. Als dieses Gebäude im Jahr 1957 der Grenzwacht übereignet wurde, wurde sein Wert mit 301351,30 tschechoslowakischen Kronen angegeben. Reste des Mauerwerks dieses Gebäudes, das aus Granitquadern erbaut war, sind bis heute erhalten.
In der Zeit des Dritten Reiches sollen hier angeblich prominente SS-Leute Zerstreuung gesucht haben. Heute ist der Name der alten Glashütte schon in Vergessenheit geraten und man bezeichnet den Ort etwas zu Unrecht als Zamecek (=Schlösschen).
Durch Fichtenbach verläuft heute ein grün markierter Wanderweg, der in Richtung Staatsgrenze bis zu der "Drei Wappen" genannten Örtlichkeit aufsteigt. Hier trafen die historischen Grenzen von Böhmen, Bayern und der Oberpfalz aufeinander, deren Wappen, ergänzt durch die Jahreszahl l766 (das Datum der Abmarkung der Grenze im Terrain), immer noch in einen von Moos bedeckten Felsen eingehauen sind. Heute besteht an diesem Ort ein Fußgängergrenzübergang zu den bayerischen Weilern Gibacht und Althütte. Die reizvolle Natur, die Ruhe und der Genius loci des vergessenen Tals haben heute noch immer nicht im Geringsten die Anerkennung gefunden, die sie eigentlich verdienen. Auf eine Einbindung in einen Lehrpfad, der gewiss zu den interessantesten seiner Art gehören würde, warten auch die von Moos und Farn überwucherten Glasmacherbetriebe.

Anmerkungen:
1) Der ursprüngliche Name des Dorfes Fichtenbach ist von einer früheren Bezeichnung der Kalten Pastritz abgeleitet.
Nach 1918 wurde auch die tschechische Bezeichnung Fuchsova Huť [ = Fuchshütten] verwendet – nach der Glasherrenfamilie, die die Hütte lange betrieben hatte. Nach 1945 wurde die offizielle Bezeichnung Bystřice eingeführt, wiederum nach dem Bach, der durch den Ort fließt.
2) Jan Vrba, Zapomenuté údolí, 1926, 32




Das Vergessene Tal unter dem Čerchov - Bystřice








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