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"Šumava - Die Saga des Böhmerwaldes" von Manfred Böckl
Leseprobe aus dem Buch "Šumava - Die Saga des Böhmerwaldes" von Manfred Böckl
erschienen im Morsak Verlag GmbH, 94481 Grafenau www.morsak.de
(mit freundlicher Genehmigung des Morsak-Verlags)
(ISBN 978-3-86512-010-6, 19,80 EURO)


Der Roman schildert das harte Leben der Menschen im Böhmerwald in der Zeit von 1010 bis 1637.
Von ersten bescheidenen Siedlungen, über grenzübergreifende, gutnachbarschaftliche Beziehungen, bis zu den Wirren des Krieges, spannt sich der Bogen der Erzählung.
Im nachfolgenden Textausschnitt erreichen die beiden Waldläufer den Čerchov.
Sie sind auf der Suche nach einem geeigneten Ort für einen Neuanfang,
auf der Suche nach einer neuen Heimat.
Man schreibt das Jahr 1010.



...
Der Aufstieg hatte sie erschöpft, hatte ihnen die letzten Kräfte abverlangt. Dennoch hatte der Berg sie wie mit magischer Gewalt angezogen, hatte sie durch Filze und Urwald, über vereiste Hochmoore hinweg immer weiter nach oben gesaugt. Gelullt hatte sie sein Rauschen, während das Blut ihnen in den Ohren brauste. An eiszapfenüberkrusteten Granit- und Gneisschrunden waren sie vorübergezogen, hatten von Kristallwülsten überwucherte Bäche im Sprung überwunden. Bis zu den Gürteln waren sie in Schneefelder eingebrochen, dann wieder auf Händen und Füßen vom Wind abgefegte Hänge empor gekrochen. Jetzt, gegen Mittag des zweiten Wandertages, war ihnen der Gipfel greifbar nahe. Der immer noch weich von Süden einstreichende Föhnwind schien aufzufrischen; dann, nach den letzten Tannen-, Ahorn- und Fichten- Stämmen schweiften ihre Blicke plötzlich frei. Boleslav und Birg verharrten, als hätte ein Traumbild sie jäh in seinen Bann geschlagen.
Unendlich, grenzenlos breitete sich nach allen Seiten das Meer der Šumava aus. Ein pelziger, schneebepuderter Bergrücken reihte sich an den nächsten, weiter und weiter, bis die Konturen in der Ferne im weichen Wabern des Horizonts verschwammen. Braun- und dunkelgrünfleckig war dieses Meer an manchen Stellen; an anderen wiederum schien sich Himmelslicht auf gleißenden Flächen zu spiegeln. Wipfelbärte von Nadelbäumen stachen da und dort wie erstarrte Spritzer aus dieser fast bewegungslosen ozeanischen Landschaft heraus; manchmal aber waren Einbrüche und Windwüstungen zu erkennen, und dort lag dann grau und schrundig das Gerippe des traumgebannten Meeres bloß; das Gestein, welches all dies aus seinem eigenen Zerfall hervorgebracht hatte. Licht- und Schattenbahnen zogen über die wie Walbuckel aufgleitenden und wieder abstreichenden Hügelflanken hin; während da beklemmende Schwärze aufzubrodeln schien, verflossen die Wogen dort zu pastellfarbener Weichheit. Unaufhaltsam, den ureigenen Gesetzen der Natur folgend, irrlichterte es über die verzauberte Šumava hin, und lange, sehr lange dauerte es, bis die beiden Waldläufer wieder Worte fanden.
Schwarzkoppe nannte ich diesen Berg, als ich ihn zum erstenmal sah", sagte Birg leise.
"Čerchov", murmelte Boleslav. "Gut hast du den Namen gewählt. Schon von weitem erinnerte sein Vrchol, sein Gipfel, an einen gewaltigen Kohlenmeiler, der osamělý, einsam, in der Wildnis glost. Jedenfalls pak, dann, wenn Wolkenschatten ihn überstrichen."
Der Helläugige nickte, dann deutete er nach Nordosten. "Der Aufstieg auf den Čerchov, wie du ihn nennst, hat uns vom geraden Weg abgebracht", erklärte er. "Doch von hier aus kannst du bereits das Tal erkennen, zu dem ich dich führen wollte. Dort drüben, wo die Nord- und Südhänge sich sanft gegeneinander neigen, schlängelt sich ein Flüßchen durch den Wald, welches nach meiner Schätzung später in die Radbuza mündet -so wie du mir ihren Lauf neulich beschrieben hast. Ich entdeckte das Gewässer im vorigen Jahr, als ich in dieser Gegend pirschte. Der Boden dort ist gut, reichlich steht das Wild in den Wäldern. Und am Sonnenhang des einen Hügels sah ich Wildemmer wachsen, so daß dort sicher auch Korn geerntet werden kann."
Der Sorbe schenkte seinem Freund einen dankbaren Blick: Dann schätzte er die Wegstrecke ab, die sie noch von ihrem Ziel trennte. "Vor Sonnenuntergang werden wir es bohužel, leider, nicht mehr bis dorthin schaffen", sagte er zuletzt mit bedauerndem Unterton in der Stimme.
Birg stimmte ihm zu: "Die Zeit reicht gerade noch für den Abstieg und den Bau einer Unterkunft aus. Doch morgen wird der Tag noch nicht alt sein, bis wir dort angekommen sind, wo du mit deinen Leuten siedeln wirst - vorausgesetzt, der Platz sagt dir wirklich zu." "Ich habe das Pocit, das Gefühl, er wird es tun", erwiderte Boleslav. "Und ich werde dann immer den Čerchov vor Augen haben, von dem aus ich dohromady, zusammen, mit dir die neue Heimat zum erstenmal sah."
Noch einmal spähte er angespannt nach Nordosten, dann nahm der rauschende Gipfelwald die beiden jungen Männer wieder auf. Der Nachmittag war noch nicht weit fortgeschritten, dennoch zeichneten sich bereits die ersten Schatten der Dämmerung ab, ehe sie den Bergsockel gegenüber der Stelle, wo sie den Aufstieg begonnen hatten, erreichten.
Während der gemeinsamen Wanderung hatten sie sich aufeinander eingespielt. Birg sammelte Feuerholz, der Sorbe trug Tannenflechten und Findelsteine zusammen und errichtete daraus den Unterschlupf für die Nacht. Nur gürtelhoch war die Hütte, die er baute, gerade groß genug, daß er und der Bayer darin liegen konnten. Die Tannenbärte und ein stiefelhoher Steinwall ringsum würden sie vor den schlimmsten Unbilden der Witterung schützen. Im Windschatten schichteten sie zuletzt die Feuerstelle auf; ein Findlingsrund, aus dessen Innerem sie zuvor den Schnee entfernt hatten. Dann schlug Birg Stahl und Flintstein gegeneinander; der Zunder, den er in einem Holzbüchschen bei sich trug, fing Feuer, und alsbald prasselten vor der Jägerhütte die Flammen hoch. Aus ihren Packsäcken holten die Männer Dörrfleisch und rösteten es an schräggestellten grünen Zweigen. Als Getränk diente ihnen Schneewasser, das sie in ihren Holznäpfen zum Schmelzen gebracht hatten. Nachdem sie Hunger und Durst gestillt hatten, krochen sie in die Hütte. Abwechselnd schlief der eine, während der andere das Feuer versorgte, und so verbrachten sie die Nacht.
Das erste Morgenlicht sah sie bereits wieder auf den Beinen. Hoch über den Baumwipfeln und ihren Köpfen ragte, nebelumflutet noch, der Berggipfel auf. Als der Föhnwind auffrischte, begann der Wald wie grüßend zu rauschen und zu brausen. Birg und Boleslav nahmen ein weiteres Mahl aus Dörrfleisch und Wasser zu sich, dann löschten sie sorgsam das Feuer, schulterten ihre Packen und Waffen und machten sich wieder auf den Weg.
Wie Birg gesagt hatte, war der Tag noch immer jung, als sie ihr Ziel erreichten. Von Südosten her fingerten die ersten Sonnenstrahlen bereits über den nördlichen Hang. Prächtiger Mischwald stand dort, da und dort von Schneisen und Windbrüchen gezeichnet. Der Hügel selbst lief in einem flachen Sattel aus, über dem an einer Stelle, im Osten, ein Granitkegel aufragte, der beinahe an einen Bergfried erinnerte. Das Flüßchen im Tal war von einer dicken Eisschicht bedeckt; nur dort, wo es über Felstrümmer sprang, schäumte und rieselte es zu dieser Jahreszeit frei.
Durch starre, peitschende Schilffelder drangen die Freunde bis ans Ufer vor. Während sie das letzte Wegstück zurückgelegt hatten, war der Sorbe immer schweigsamer geworden. Jetzt verhielt er plötzlich den Schritt und starrte mit zusammengekniffenen Augen zum gegenüberliegenden Hang hinüber, über den Sonnenlicht und Wolkenschatten hinspielten. Und dann zischelte er ein Wort, das Birg nicht verstand: ,,Tajemství!"
"He, was hast du?" fragte der Helläugige erstaunt.
,,Tajemství", wiederholte Boleslav. "Ein Geheimnis liegt über diesem Ort! Ich kann es nicht vysvět, erklären, aber ich spüre es ganz genau . .."
,,Etwas Böses?!" schnappte Birg erschrocken.
Der Sorbe schüttelte den Kopf. "Nichts Böses. Nur etwas Altes. Etwas Uraltes!"
"Wo?" wollte Birg wissen.
"Dort drüben. Někde, irgendwo", versetzte der Dunkelhaarige. "Komm! Wir wollen es suchen. Ich muß es vidět, sehen, ehe ich weiß. ob ich auf diesem Pahorek, diesem Hügel, leben kann oder nicht."
Ohne eine Antwort seines Begleiters abzuwarten, huschte Boleslav über das Eis des Flüßchens hinweg und verschwand auf der anderen Seite im raschelnden Ried. Birg zuckte verwundert die Achseln, dann folgte er dem Freund. Der Sorbe überquerte den Talgrund, witterte ab und zu wie ein Tier und änderte dann jedesmal leicht die Richtung. Birg hielt sich hinter ihm, versuchte gar nicht erst, zu ihm aufzuschließen. In immer gleichbleibendem Abstand lief er auf Boleslavs Spur den sonnengesprenkelten Hang hinauf, der an dieser Stelle nach einem Wind- oder Schneebruch nur schütter bewachsen war. Die halbvermoderten Baumleichen machten das Fortkommen jedoch noch immer schwierig genug, bis die Schneise zuletzt wieder mächtigem Hochwald Platz machte. Boleslav drang weiter vor; schwer atmend blieb Birg ihm auf den Fersen. Nach etwa einer Viertelmeile senkte sich der Hang auf den Hügelsattel; im Norden zeichnete sich durch die schneeverkrusteten Stämme hindurch der nächste Bergrücken ab.
Doch nun hielt der Sorbe, nachdem er wiederum wie ein Tier gewittert hatte, sich östlich, bis er zuletzt den Granitkegel erreichte, der die höchste Erhebung des Sattels gleich einem Bergfried krönte. Da auch der Boden hier felsig war, fehlte an dieser Stelle der dichte Baumbewuchs. Nur einzelne Stämme und dünnes Gestrüpp fanden hier noch Nahrung, und ungehindert wehte der Wind über den Grat. Boleslavs dunkles Haar flatterte, peitschte und tanzte im Luftzug, doch der Sorbe schien es gar nicht zu spüren; vielmehr stand er plötzlich wie erstarrt da. Dann hob sich langsam sein Arm, und als Birgs Blick der angegebenen Richtung folgte, rieselte etwas wie ein eisiger Schauer über sein Rückgrat. Denn der Sorbe hatte sich vorhin, im Flußtal unten, nicht geirrt: Auf dem kahlen Grat, etwas seitlich des Granitkegels, erhob sich ein Gebilde, das nicht von der Natur, sondern ganz offensichtlich von Menschenhand errichtet worden war.
Eine Steinsetzung war es, ein künstlich behauener Dolmen, wie Birg noch nie zuvor einen gesehen hatte. Doch er hatte von solchen Monolithen bereits gehört. Ranhild, die mehr als andere über die uralten Dinge wußte, hatte in den Rauhnächten von derartigen nicht auf natürliche Weise entstandenen Denkmälern geraunt. Daß sie Trollen und Feen zur Heimstatt dienten, hatte die Mutter erzählt, und daß man ihren Ursprung nicht vor Jahrhunderten, sondern vor Jahrtausenden suchen müsse. Denn ein längst ausgestorbenes Volk sei es gewesen, das die Dolmen an ganz besonderen Plätzen an Flüssen und auf Bergrücken aufgestellt hatte; ein Volk, das magische Fertigkeiten besessen hatte, die in späteren Zeiten dann verlorengegangen seien.
Und nun stand Birg unvermittelt vor einem solchen Feen- oder Trollmal, und es war kein Wunder, daß er zu zittern begann und gleichzeitig nach seinem scharfen Waidmesser tastete.
Boleslav hingegen, nachdem die erste Überraschung von ihm gewichen war, erwachte aus seiner Erstarrung. Ja, er blickte sich jetzt endlich wieder nach seinem Freund um, und als er dessen verängstigten Zustand erkannte, kam er zu ihm, legte ihm die Hand auf den Unterarm und sagte: "Du mußt keine Strach, keine Furcht, haben, Birg! Es ist nichts Böses an diesem Stein! Nein! Ich habe sogar Grund zu großer Radost, zu großer Freude! Denn dieser Stein zeigt mir an, daß vor Urzeiten schon einmal Menschen aus jenem Země, jenem Land, aus dem meine Sippe fliehen mußte, hier siedelten!"
Der Helläugige schluckte. Doch unter der Berührung Boleslavs fiel die Furcht allmählich von ihm ab, so daß er schließlich zu fragen vermochte: "Vielleicht kannst du mir genauer erklären, was du meinst? Was hat es mit diesem Feenstein auf sich - und ebenso mit den Menschen aus uralter Zeit, von denen du sprachst?"
,,Komm - und spüre es selbst!" erwiderte der Sorbe einfach. Dann ging er Birg zu dem doppelt mannshohen Dolmen voran. Hart davor blieb er stehen, nahm die Hand des anderen und legte sie flach auf den Stein. ,,Rufe dir jetzt das in die Duse, die Seele, zurück, was auf dem Schafhof tief unter der Erde geschah!" murmelte er. "Otevřít, öffnen, mußt du dich! Das in dich proniknout, dringen, lassen, was damals in uns drang, als der Mutterschlund und Gerlinds Kräuter uns berauschten! Zu den Wurzeln mußt du klesnout, sinken, von denen Ranhild sprach! Sträube dich nicht! Habe Duvera, Vertrauen, dann wirst du verstehen!"
Der Föhnwind lullte die Männer, ringsum rauschte und brauste die Šumava. Neben Birgs Hand lag jetzt die von Boleslav auf dem Dolmen. Und dann schien der Wald den Atem anzuhalten, und die inneren Augen des Dunkelhaarigen und des Hellhaarigen öffneten sich.
Zeitloses wirbelte sie hinweg in den ungeheuerlichen Talkessel östlich der schwarzen Wälder. Spätere Generationen sollten dieses Land als das Böhmische Becken bezeichnen, doch wo der Sorbe und der Bayer mental landeten, lebte noch Archaisches. Jung war die Erde noch, zumindest in der beschränkten Betrachtungsweise der Menschen, und aus ihrem Schoß gebar sie in der Mitte der mitteleuropäischen Muldung ein Volk. Baumrauschen wehte schon früh in die Träume und Vorstellungen der Kelten hinein; Baumrauschen und die Zeitlosigkeit von Stein; von Granit, Glimmer und Gneis. Im Baumrauschen und im Steinschweigen suchten sie das, was sie in ihrer schwachen Menschensprache als göttlich bezeichneten. Haine hegten sie ein und Dolmen drehten sie in den Wind. Für den Erdschoß standen die einen, für geistige Kühnheit und Lebenskraft die anderen. Und aus beidem zusammen ergab sich der Aufschwung des keltischen Volkes, lange bevor andere kleinlich die Zeit zu zählen begannen. Wind der wahren Zeit wehte über die keltischen Kernsippen hin und wehte das Keltentum über die Welt.
Nach Westen zogen die einen, siedelten, vermehrten sich und zogen weiter, bis sie die Küsten der äußersten atlantischen Inseln erreichten. Dort wo zwei Kontinente, Europa und Asien, sich im Osten gegenseitig aufschürften, kamen nach Jahrhunderten der Wanderung die anderen zur Ruhe. Doch auch nach Süden und Norden rannen die Ströme, den Alpenketten und den Steppenländern zu, und schlugen Brücken zwischen Fremden, die einst verschiedene Sprachen gesprochen hatten.
Birg, der Bayer, fühlte das Wissen darum glühen in sich; nicht anders erging es Boleslav, dem Sorben. Wo die eigentliche Wurzel des einen lag, fand sich auch diejenige des anderen. In der mitteleuropäischen Muldung hatten der erste Hain und der erste Dolmen gestanden. Nichts war zerrissen worden, nur vergessen hatten die Menschen - doch jetzt, während zwei Hände sich auf dem Keltenstein berührten, kehrte in hallenden Seelentiefen die Erinnerung zurück. Ein Fleisch und ein Spüren, ein Sehnen und ein Traum; ein Wollen, ein Scheitern und ein Weiterdrängen waren der Dunkle und der Helle von Urzeiten her. Nicht Licht und Schatten, nicht gut und böse freilich, sondern Traumauge und Vernunftauge in einem gemeinsamen Antlitz, und das eine war nichts ohne das andere und das andere nichts ohne das eine. Gemeinsam aber wurden sie zu dem, was den Sternendrang der Menschheit ausmachte. Solches Wissen glühte auf angesichts des Keltensteins und verlor sich wieder wie das magische Volk selbst, welches einst vom Böhmischen Becken aus die Erde befruchtet hatte. Vom Grat in der Šumava aus sahen der Sorbe und der Bayer die einst so mächtigen Ströme des allumfassenden Volkes versickern und verschwinden, und von da an wurde Europa dürr und im Herzen und im Geist zur Steppe, zur Wüste für lange Zeit. Seine Völker zerstreuten sich, seine Lieder verklangen, seine Haine verholzten und bis auf wenige stürzten die Dolmen. Jahrtausende sollten verstreichen, bis ein neues, gemeinsames Haus eingedeckt werden konnte. Davon ahnten Birg und Boleslav noch nichts. Davon schwieg der Keltenstein noch, dies war noch zu ferne Zukunft. Doch eine vage Erinnerung an die frühere Verbundenheit blieb in ihren Gehirnen haften, als sie nun zitternd und erschöpft wieder zu sich kamen, sich vom Dolmen lösten und in ihre eigene Gegenwart zurückkehrten. Unverändert stand der Dolmen da, unverändert rauschte der Wald und pluderte der Föhnwind, unverändert ragte die Felskanzel in den dunkel und hell gescheckten Himmel. Doch die beiden jungen Männer hatten einen größeren Schritt aufeinander zu getan als ihre Völker in Jahrhunderten, und nun sagte Birg: "Ich danke dir!"
"Später, wenn mein Dvůr, mein Hof, steht, werden wir gemeinsam wiederum hierher kommen", erwiderte Boleslav.
,,,Und andere nach uns", schloß Birg hellsichtig.
Über das gemeinsame Erlebnis, das sich ohnehin kaum in Worte hätte fassen lassen, wurde nicht weiter gesprochen. Sie nahmen die Erfahrung einfach hin, ganz wie damals, als sie zusammen den Erdstall auf dem Schafhof befahren hatten.
Langsam stiegen sie wieder zu Tal und schritten den Boden ab, der nun alsbald gerodet werden sollte. Als sie sich einig geworden waren, wo das Haus stehen, die Felder und Weiden liegen sollten, steckten sie das Areal mit Pflöcken ab und saßen es nach uraltem bajuwarischem Recht drei Tage und drei Nächte lang ein. Birg hatte dies vorgeschlagen, Boleslav hatte es lächelnd gutgeheißen. Am vierten Tag brachen die Freunde zurück zum Hohen Bogen auf und erreichten den Schafhof in der übernächsten Abenddämmerung. Der Jungbauer wunderte sich nicht darüber, daß Gerlind zunächst den Sorben und dann erst ihn umarmte. Später dann erzählte Boleslav in der Kaminstube, wie sie das Land und den Keltenstein gefunden hatten, und Birg der Alte versprach, daß sein Sohn im Frühjahr mit einem der beiden Ochsengespanne dorthin kommen würde.
Dankbar nahm der Dunkeläugige dieses großherzige Angebot an; wenige Tage später zog er dann einsam wieder nach Norden davon. Gerlind aber stand am Lattenzaun, der den Schafhof einhegte, und blickte ihm nach, bis er im Dunkel des Waldes verschwunden war.
...