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Der Čerchov als weithin sichtbare Frage
Artikel aus der Chamer Zeitung vom 26.04.2007, von Winfried Baumann
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Chamer Zeitung, Dipl. Geograph Wolfgang Reimer)


Vielleicht ist er der bedeutendste Berg bei uns hier an der Grenze

Ostbayern liegt am Rand, gilt das auch für Böhmen? Shakespeare wusste es besser und schrieb: Böhmen liegt am Meer. Das gilt bis heute. Über uns fiel kein Wort. Von den Bergen hier an der Grenze war einst nicht viel bekannt draußen in der Welt. Höchstens bei den alten Griechen und ihrem Ptolemäus. Dann aber schaute als erster Wichtiger einer vorbei - ein Tscheche, der Cosmas von Prag. Und der schrieb über die Berge. Den sollten wir uns merken, er hat sich die Grenze selber angeschaut, um 1100 herum. Furth im Wald war erst ein paar Jahrzehnte vorher (1086) erwähnt worden, ist also älter als die bayerische Landeshauptstadt München. Nun erhebt sich gerade heuer die Frage, wann denn endlich mal ein Deutscher oder auch nur ein Einheimischer daherkam und als erster was über uns sagte, zu unseren Bergen und Tälern, über unsere Leute? Wann fiel es jemandem ein, zum Beispiel auf den Kaitersberg zu klettern, runterzuschauen, "o wie schön" zu rufen und dies in einer Schrift zu vermerken? Wir wissen es nicht, und vielleicht gibt es keinen. Wir können nur immer wieder anführen - Cosmas. Oder vielleicht einen anderen Böhmen oder Tschechen, der hier feststellte, dass da was ist bei uns. Das sollte man sich im Landestor, im Landkreis und in der Landeshauptstadt durch den Kopf gehen lassen. Stellt sich gleich eine weitere Frage: Haben nach 1989 auch wir endlich was entdeckt, wenigstens die Tschechen? Oder fahren die Tschechen fort, uns zu entdecken? Wie, wenn es immer noch wichtiger wäre, dass sie nach 1989 aufgetaucht sind, damit uns endlich wieder mal jemand zur Kenntnis nimmt, wenn es schon die eigenen Bayern westlich von uns nicht tun! Vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Fragen über Fragen, daran wird auch die Landesausstellung in Zwiesel heuer nichts ändern. Der Čerchov ist ein weithin sichtbares, ein Memento fast, ein riesiges Mal. Bestimmt gibt es bei uns viele Zeitgenossen, die in diesem Moment zum Memento sagen, wir würden rascher in der Entwicklung vorankommen, wenn wir gar nicht mehr nach rückwärts dächten. Aber das geht nun auch wieder nicht. Wir müssen uns vergleichen, uns mit den Tschechen. Und bei denen spielt gerade der Čerchov eine wichtige, fast tausendjährige Rolle. Aber nur einer bei uns kannte die tausend Jahre und schrieb in seinem Roman von der "Šumava", also der Schumawa (Böhmerwald) - Manfred Böckl. Er als einziger begann mit dem Hohenbogen und dem Čerchov, nach 1990 mag es gewesen sein. Und er schrieb, kalt war's damals um 1100 ... fast vor tausend Jahren ... ein Wolfswinter ... Nun aber geschah nochmals was, erst vor ein paar Jahren, als der Warschauer Pakt abgezogen und der Eiserne Vorhang drunten in Waldmünchen gefallen und der Wanderweg zum Gipfel wieder frei war: Droben auf dem Čerchov schlich einer aus dem Wald, ein erster Kundschafter, ein Grenzgänger, nach längerem Aufstieg vom Gibacht her, vorsichtig, nach alle Seiten hin witternd. Dieser Unbekannte, der im selben Moment wusste oder spürte, dass er vom Čerchov nicht mehr loskommen wird, er fühlte, dass da was ist, was all die Osser, Arber, Kaitersberg, Rachel, Lusen oder Dreisessel nicht haben. Seitdem sind ein paar Jahre ins Grenzland gezogen. Der Čerchov, gelegen einst im Niemandsland, im anderen Land, ist inzwischen fast zum Hausberg der Further und Waldmünchner geworden. Nein, es war kein Wolfswinter damals, und der Mann hieß auch nicht Birg wie jener vor tausend Jahren - sondern Karl Reitmeier aus Furth im Wald. Er war sozusagen rein dienstlich heraufgekommen, um als Redakteur der Chamer Zeitung ein paar erste Fotos zu machen für die Further Leser. Diese Fotos sind seitdem nicht mehr aus der Lokalpresse hinwegzudenken, sie sind auch wie ein Gruß von Bayern an Böhmen. Unsere Serie über seinen Berg wollen wir ihm widmen, dem Karl Reitmeier. Und wir machen ihn zum ersten Bayern auf dem Čerchov - nach 1989. Damit zur letzten Frage für heute: Wo finden wir eigentlich den Čerchov, gesprochen Tscherchov? Wenn sich der moderne Autowanderer vom altehrwürdigen Regensburg her ostwärts wendet, werden ihm bei schönem Wetter bald grüne Höhenrücken aufscheinen - der Oberpfälzer Wald und der Český Les (Böhmischer Wald). Vor allem aber grüßt der Bayerwald herüber. Und unser Autofahrer mag jetzt ahnen, dass er sich gleich der bayerisch- tschechischen Grenze nähern wird, während er hinter Cham was aufragen sieht: den Čerchov zur Linken. Erkenntlich an seinen beiden Türmen. Und zur Rechten bemerkt er den Hohenbogen mit zwei anderen Türmen und einem Sender. Und in weiterer Ferne sieht er bereits den doppelgipfeligen Osser, die Brüste der Mutter Gottes, wie die Menschen hier an der Grenze sagen. Das erste Zeichen der von Südosten heranziehenden Gipfel der Šumava. So hätte ein Adalbert Stifter unserer Zeit sein Werk begonnen, über ein bayerisch- böhmisches Schicksal, vielleicht einen neuen "Hochwald", der sich um den Čerchov rankt und nicht nur nach Böhmen hineinreicht, sondern auch hinunter nach Furth im Wald winkt, gelegen im Tal des sich windenden Flusses Chamb ...
Winfried Baumann
Zdenek Prochazka: Čerchov a jeho okoli po obou stranach hranice. Der Čerchov und seine Umgebung beiderseits der Grenze. Domažlice 2000
Veronika St'avikova: An Cham vorbei in den Grenzwald. Nach dem Bericht des Chronisten Cosmas von Prag zum Jahre 1040.
In: Beiträge zur Geschichte im Landkreis Cham, 24. Band, 2007, S. 37- 50


Karl Reitmeier am Čerchov-Gipfel