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Wozu brauchen wir Wildnis?
Artikel von Herwig Decker
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)


Wozu brauchen wir noch mehr Wildnis?

Wir haben doch sowieso schon genug davon!
Unter der Dusche beginnt der Tag. Mit „Wilderness“, der Duftnote von Avon.
Gore-Tex, dreifach übereinandergepappt, hält warm auf dem Weg ins Büro.
Dabei weht von den Plakatwänden der U-Bahn eh der heiße Wüstenwind Arizonas.
Oder soll’s ein bisschen exklusiver sein? Im Allrad über die Stadtautobahn,
an der roten Ampel ein kleiner Traum von Camel-Trophy. In der Mittagspause
schnell zur Bank, „die den Weg freimacht“ in all den wilden Finanzdingen.
Und sollte auf dem Pfad durch die alltägliche Stadtwildnis doch einmal Unvor-
hergesehenes passieren: Das neue Leather-man-Tool schlägt sogar Fähnlein Fiesel-
schweifs Pfadfinderhandbuch.

In der Freizeit brechen alle Dämme zur wilden Welt da draußen:
Der Discovery Channel liefert sie ins Haus.
Die anderen Sender stehen kaum nach:
Allein über den ARD-Bildschirm flimmerten 1999 mehr als hundertmal „Abenteuer Wildnis“,
„Sehnsucht Wildnis“, „Zuflucht Wildnis“ und Co..
Am Wochenende gibt’s dann noch einen Nachschlag.
Und das Wildnis-Menü für den Jahresurlaub ist längst gekocht.
Safari-Lodge, Nepal-Trekking und Angel Falls sind fast schon Standard.
Antarktis, Achttausender und Amazonas gibt’s für etwas mehr Geld.
Wildnis, geerntet und gewogen, zum 100-Gramm-Preis bei den Händlern der vier
Jahreszeiten und fünf Kontinente.

Das müßte doch eigentlich genug Wildnis sein.
Wie soll ein mitteleuopäisch-zivilisierter Mensch bei solch einem Angebot spüren,
daß es auf seinem Kontinent echte Wildnis kaum mehr gibt?
Daß Jahrhunderte Natur-Nutz und Natur-Management größere Wildnisreste nur mehr
in nordskandinavischen Waldgebieten zurückgelassen haben? Den Verlust,
kann man beklagen und muß ihn feststellen. Aber was haben wir mit der Wildnis
eigentlich verloren? Wenn man einen Wissenschaftler fragt, sieht dieses Ding ganz
anders aus als in Werbespot und Reiseprospekt.

Schutz der Dynamik, nicht des Zustands

Einfach, unsentimental und doch voller Brisanz sagt es (nicht als erster)
der Liechtensteiner Dr. Mario F. Broggi: „Unter Wildnis wird jener Raum verstanden,
in dem wir jede Nutzung und Gestaltung bewußt unterlassen, in dem natürliche Prozesse
ablaufen können, ohne daß der Mensch denkt und lenkt, in dem sich Ungeplantes und
Unvorhergesehenes entwickeln kann“. Vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner beim
schwierigen Versuch einer Wildnis-Definition, aber mit Konsequenzen für den Menschen,
die ihm weh tun können. Das Außenvorhalten des Menschen zwingt ihn, sich von oft
liebgewonnenen Naturvorstellungen zu verabschieden.

„Keine menschlichen Eingriffe“ heißt Prozeßschutz.
Nicht ein erstrebens- und erhaltenswerter Idealzustand der Natur ist das Ziel,
sondern ein Zulassen dynamischer Prozesse. Es gibt bei diesem Entwurf kein
„Konservieren“ mehr. Es gibt keinen Schutz einzelner „höherwertiger“ Populationen
und Systeme. Dem Wildnis-akzeptierenden Menschen muß der Borkenkäfer genauso
Wert sein, wie Luchs, Bär oder Steinadler. Natur-immanente Vorgänge, die wir
Menschen bisher „Katastrophen“ genannt haben, sind Teil ungestörter Naturdynamik.
Das können die Waldbrände im Yellowstone sein, genauso wie die Borkenkäfer-Ausbreitung
im Bayerischen Wald. Quasi-epidemische Vorgänge, auch kurzfristig auf Kosten der
Artenvielfalt, werden zugelassen.

Die negierte Welt?

Immer noch Lust auf Wildnis? Naturwissenschaftliche Wildnis-Definitionen lassen
erahnen, welches Konfliktpotential in dem Begriff steckt. Noch deutlicher wird
dies auf der emotionalen Ebene. Unser Sprachgebrauch definiert Wildnis meist negativ.
Gerade die „Un-“Wörter sind es, die sich adjektivisch an den Begriff Wildnis schmiegen.
Sie ist unberechenbar, unübersichtlich, unmenschlich, unproduktiv, ungepflegt,
undurchdringlich, unordentlich, unfreundlich, unbehaglich, ungezähmt, unheimlich,
unsentimental, ungerecht, ungeschönt. Jeder einzelne dieser Begriffe ist nach-denkenswert.
Wildnis, die negierte Welt? Von einem traditionell-zivilisatorischen Standpunkt aus
gesehen, vielleicht.

Der Amerikaner Roderick Nash treibt das Definitions-Dilemma weiter:
„[Der Begriff] Wildnis hat auf den ersten Blick eine irreführende Gegenständlichkeit.
Das Schwierige daran ist, daß er ein Substantiv ist und sich verhält wie ein Adjektiv.
Es gibt Wildnis nicht als eigentliches materielles Objekt. Der Terminus beschreibt
eine Eigenschaft (...), die in einem bestimmten Individuum eine bestimmte Stimmung
oder ein bestimmtes Gefühl erzeugt.“ Damit sind wir beim individuellen Bild der Wildnis.
Umfragen unter Nationalpark-Besuchern zeigen, daß ihre Vorstellung von Wildnis so
unterschiedlich ist, wie die Besucher selbst. Zudem verändert sich das Wildnis-Empfinden
im Laufe der Zeit, die der einzelne Mensch dem ausgesetzt ist, was er unter Wildnis
versteht. Jeder der gern draußen ist, hat das selbst schon empfunden:
Eine Tourenwoche „fühlt sich ganz anders an“ als ein Tourentag.
Wir tauchen ein, werden immer mehr zum Teil der Natur. Draußen wird zum Drinnen.
Und wer die gleichen Wege ein Jahr später geht, wird sie wieder ganz anders, vertrauter,
empfinden. Nash schreibt: „Die Wildnis des einen kann der Picknickplatz neben der Straße
für den anderen sein.“ Gletscherbruch gegen Forstenrieder Park...

Ambivalenz und Tabus

Gut, die „Schwelle Wildnis“ liegt bei jedem Menschen woanders.
Aber auch wenn die Menschen diese individuelle Schwelle überschritten haben, reagieren
sie unterschiedlich. Der Biologe Dr. Wolfgang Scherzinger spricht von der
„Ambivalenz der Wildnis“: „Der Januskopf des Naturgeschehens baut ein Spannungsfeld
auf zwischen Ehrfurcht und Furcht, Staunen und Schauern, Begeisterung und Bestürzung,
Sehnsucht und Angst, Geborgenheit und Hilflosigkeit.“
Die „Mischung“ ist individuell - beim zeitweiligen Wildnis-Besucher, wie bei den Menschen,
die an und mit Wildnisgebieten leben.
Die explosionsartige Ausbreitung des Borkenkäfers hat im Inneren Bayerischen Wald zu
Monate währenden Tumulten geführt. Die Anwohner des Nationalparks haben wütend protestiert,
sind auf die Straßen gegangen. Aggressionen bis hin zum blanken Haß auf die „zulassende“
Nationalpark-Verwaltung wurden überdeutlich. Die Angst um den „Verlust der Heimat“
paarte sich mit tiefsitzenden Ressentiments gegen die von Nationalpark-Vertretern wieder
und wieder propagierte Idee „Natur Natur sein lassen.“. Wie in einem Brennglas sammelten
sich in der Bevölkerung vor Ort die Ängste auch vor dem, was da als „Wildnis“ angekündigt
wurde. Es zeigte sich deutlich: Die Abneigung der Wildnis ist tief in uns verwurzelt;
vielleicht ist sie sogar stammesgeschichtlich begründet. Der Wildnis-Gedanke verstößt
gegen tiefgreifende Tabus unserer westlichen Zivilisation.

Tabu 1: Der „Garten Eden“

Wildnis hat nichts mit den paradiesischen Zielvorstellungen zu tun, wie wir sie aus unserer
jüdisch-christlichen Tradition kennen. „Darauf pflanzte Gott der Herr, einen Garten in Eden.
(...) Und Gott der Herr ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume aufsprießen, lieblich zum
Anschauen und gut zur Nahrung. (...) Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den
Garten Eden, damit er ihn bebaue und erhalte. (Genesis 2, 8-15)“
Die Wildnis sieht anders aus.
Schon eher so, wie der Ackerboden, den Gott den Menschen nach der Vertreibung aus Eden
zugedacht hat: „Dornen und Gestrüpp soll er Dir sprießen, und Kraut des Feldes sollst
du essen. (Genesis 3, 18)“.

Und auch Jesaias hatte bei seiner paradiesischen Vision von der Wiederkunft des Messias
alles andere als Wildnis vor Auge: „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt
beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und
Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander, der Löwe frißt Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind steckt seine Hand in die
Höhle der Schlange. (Jesaias 11, 6 -8)“ Jeder Mensch, der - bewußt oder unbewußt -
solche Bilder als Idealzustand der Natur verinnerlicht hat, wird es schwer haben,
die Wildnis-Idee zu akzeptieren.

Tabu 2: Der Eigenwert „Zivilisation“

Auch hier könnte die Bibel als Stichwortgeber dienen. Doch über das
„Macht Euch die Erde untertan“ hinaus wirkt weit stärker die konkrete Anstrengung des
Menschen von Urzeit an, die Wildnis zu zähmen, auszugrenzen, zu kontrollieren.
Scherzinger schreibt: „Gleichzeitig ist der Mensch intensiv bemüht, seinen Lebens-
und Wohnbereich abzugrenzen, (...) vor der Zugriff der Wildnis und ihren Dämonen zu
sichern (...): ob durch Abwehrfratzen, Zäune, Dornenkral oder aufgemalte Bannsprüche.
Der humane Lebensraum wird zur Anti-Wildnis gestaltet, wie englischer Rasen,
Barockgärten oder der Schmuck der Räume.“

Seit Urzeiten errichtet der Mensch Mauern zwischen sich und der Wildnis.
Schlimmer noch: Er schiebt diese Mauern immer weiter vor. Wer heute für Wildnis als Wert
plädiert, muß diese Mauern einreißen und Wildnis (kennen-)lernen. Er muß Wildnis verstehen
um Wildnis schützen oder wieder ermöglichen zu können. Und, was noch schwerer fällt:
Er muß bereits sein, die Kontrolle über solche Wildnis-Räume aus der Hand zu geben,
im Kopf und manifest draußen in der Natur. Der Amerikaner Aldo Leopold (1887-1948)
hat diese Philosophie auf einen drastischen Nenner gebracht: „Wildnis ist eine Absage
an die Arroganz des Menschen“.

Tabu 3: Wachstum und materieller Wert

Wer seine Ressourcen nicht nutzt, ist selber schuld. Seit Generationen das Credo unserer
Leistungsgesellschaft, durch alle Lebensjahre des einzelnen Menschen hindurch.
Wer Talente, Chancen, Potentiale in und um sich ignoriert, hat im Wettbewerb nichts zu
suchen, verzichtet auf Wachstum. Nicht von ungefähr war in der tiefgreifenden Diskussion
um die Borkenkäfer-Ausbreitung im Nationalpark Bayerischer Wald der Geldwert der getöteten
Bäume immer wieder Thema. Wer im Wachstumsklima unserer Gesellschaft groß geworden ist -
und das sind wir fast alle - wird sich schwer tun, auf Ernte, Wasserkraft, Bodenschätze
zu verzichten. Im Hinblick auf eine - vielleicht auch oft vage - Idee „Wildnis“.

Tabu 4: Der Tod

Der Tod ist das vielleicht stärkste und am tiefsten sitzende Tabu, das uns daran hindert,
uns auf Wildnis einzulassen. Wildnis und Tod sind vielschichtig verwoben. Das vielbesungene
„Werden und Vergehen“ ist untrennbarer Teil der Wildnis. Der Tod hat dort einen weit
größeren Stellenwert und eine wichtigere Funktionalität als in kontrolliert-geschützten
Naturräumen.

Eine andere Ebene der Nachbarschaft Wildnis und Tod ist die vergleichsweise kurze
Lebensspanne des Menschen. Langfristige Entwicklungen in der Natur können wir nur
episodisch begleiten. Zyklen, die von sogenannten „Katastrophen“ ausgelöst werden,
brauchen oft mehr Zeit als eine Menscheitsgeneration hat. Bei der Borkenkäfer-Diskussion
im Bayerischen Wald gingen Menschen auf die Straße, die das für andere Anliegen nie
getan hätten. Menschen jenseits der 50, die ganz offen sagten: „Was nützt es uns,
wenn in 70 Jahren ein neuer Wald entstehen wird. Wir haben nichts mehr davon“.

Und die dritte Ebene der Beziehung Wildnis/Tod: Unterschwellig bedingt die Möglichkeit,
in der Wildnis zu sterben zu können, vielleicht den stärksten Widerstand beim Versuch,
Wildnis zu akzeptieren. Es sei hier ohne jedes Pathos, jede Abenteuerlust oder
Todessehnsucht gesagt: Echte Wildnis ist ein Naturraum, der in der Lage ist, den
Menschen - je nach dessen Fähigkeiten - in seiner physischen Existenz zu gefährden.
Und hier könnte auch eine Erklärung für die individuell so unterschiedlichen
„Wildnis-Schwellen“ ansetzen: Wildnis beginnt für jeden dort, wo er - bewußt oder unbewußt
und je nach persönlicher Disposition - Lebensgefahr spürt. Bei einer Mittelgebirgswanderung
vom Weg abzukommen kann es für den einen sein. Die Durchquerung arktischen Eises ist es
für den anderen.

Grundrecht der Natur

Wildnis-Vordenker bewegen sich auf einem schmalen Grat.
Einerseits demontieren sie die schönen, oft romantisierten Wildnis-Vorstellungen in den
Köpfen genau der Menschen, die letztendlich über Wildnis entscheiden werden.
Und andererseits müssen diese Apologeten des Zulassens begründen, warum der Mensch
Wildnis überhaupt braucht - und zwar nicht nur in fernen, wenig entwickelten Ländern
sondern hier bei uns, direkt vor der Haustür.

Das ist nicht einfach. Ressourcenschutz kann nicht der ausschlaggebende Grund sein.
Ressourcenschutz ist nicht unbedingt an Wildnis-Gebiete gebunden.
Dasselbe gilt auch für die Erhaltung genetischer Vielfalt. Vielmehr appellieren die
Wildnis-Ermöglicher an ein „Menschenrecht der Natur“ - ein Grundrecht der Natur auf
Selbstbestimmung, das wir Menschen der Natur genauso selbstverständlich einzuräumen haben,
wie wir es für uns selbst tun. Wenigstens auf promillegroßen Flächen unseres Planeten.
Richard von Weizsäcker hat 1990, beim Staatsakt zur Wiedervereinigung, gesagt:
„Es geht um Verfassungsaufträge, die nicht unter dem Vorbehalt einschränkender Gesetze
stehen sollen, sondern den Gesetzgeber wie uns alle verpflichten. Gibt es zur Ergänzung
unserer Ziele ein Dringlicheres als den Schutz der Natur in ihrer Rechtlosigkeit?
Haben wir eine größere Aufgabe als die Schöpfung zu bewahren und damit die Nachwelt
zu schützen? Ich kenne keine.“

Wer sich nicht damit anfreunden kann, unbeeinflußter Natur elementare Rechte einzuräumen,
ihr einen Wert an sich zuzugestehen, dem könnte zumindest das Weizsäcker-Stichwort von
der „Nachwelt“ mehr Mut zur Wildnis machen. Wildnis ist eindeutig ein ergänzender
Gegenentwurf zum bewahrenden Unter-Schutz-stellen der Natur. Kommende Generationen
haben ein Recht darauf, Natur nicht nur „aufgehoben“ und „konserviert“ kennenlernen
zu dürfen. Nicht nur in Medien, Vitrinen oder gepflegten Biotopen.

Wildnis? Ja! Aber hier bei uns...?

Schon bis zu diesem Punkt zu kommen, ist nicht leicht: Zu erkennen, welch radikaler
Entwurf hinter der Wildnis-Idee steckt, sie zu tolerieren und ihre rechtliche
Absicherung zu fordern - das ist ein Prozeß des Loslassens, der Schmerzen bereiten
kann. Das Thema wird noch kontroverser, wenn wir einen Schritt weitergehen: Wo und
wie können wir in unserem dichtbesiedelten Mitteleuropa Wildnis wieder zulassen?
„Das funktioniert vielleicht in der Serengeti oder in der amerikanischen Prärie,
aber doch nicht bei uns!“ - Ein Satz, den Wildnis-Befürworter im Bayerischen Wald
im Rahmen der Borkenkäfer-Diskussion immer wieder gehört haben.

In Europa haben’s die Wildnis-Ermöglicher schwer. Hier gibt es kaum mehr Naturräume,
denen der Mensch noch nicht seinen Stempel aufgedrückt hat. Daher sprechen Wissenschaftler
von „Ziel-Wildnis“, wenn sie an den Umbau naturnaher Bereiche in Wildnis-Gebiete denken.
Und da wird’s kritisch. Der einen Frage „Wollen wir das überhaupt?“ folgen tausend
andere nach. Nur ein paar davon: Schaffen wir es überhaupt, in Teilgebieten
industrialisierter Staaten den Einfluß des Menschen „draußen“ zu halten?
Was ist mit Luftverschmutzung, saurem Regen, Klimaerwärmung?
Wie groß muß eine Fläche sein, um die notwendige Eigendynamik zu entwickeln?
Wie grenze ich entstehende Wildnis-Bereiche von der Kulturlandschaft drumherum ab?
Die Forschung, die Antworten auf diese Fragen finden soll, hat erst Anfang der 90er
Jahre wieder Aufwind bekommen. Mit großer Verzögerung hat die Wildnis-Debatte den
Sprung über den Atlantik geschafft. In den USA wurde sie schon vor drei bis fünf
Jahrzehnten geführt.

Gegenentwurf oder Ergänzung?

In Deutschland ist sie zur Zeit in vollem Gange. Und sie beginnt, den Naturschützern
„im eigenen Haus“ Kopfweh zu bereiten. Denn die Idee vom Gewährenlassen der Natur kann
dazu verleiten, herkömmliche Naturschutz-Bestrebungen zu disqualifizieren. Zulassen
statt pflegen. Nichts tun statt konservieren. Beobachten statt managen. Die Diskussion
um die Wildnis-Idee innerhalb des „grünen“ Lager ist noch nicht voll entbrannt.
Aber erste Polarisierungen gibt es: Die Wildnis-Vordenker auf der einen Seite und die
vehementen Artenschützer auf der anderen Seite. Die Verlockung ist groß, Wildnis
als Gegenentwurf zum herkömmlichen Naturschutz zu verstehen. Dabei betonen alle,
die der Wildnis das Wort reden, sie sei die Ergänzung, die logische Weiterführung
bestehender Naturschutz-Konzepte.

Hubert Weinzierl, Vorsitzender des Bundes Naturschutz, hat vor kurzem ein diplomatisches
Plädoyer für die Wildnis abgegeben. Er schreibt: „Wollen wir eine Momentaufnahme
menschengemachter Landschaft für immer konservieren oder wollen wir die Natur an sich
schützen? (...) Wir sollten (...) wieder viel mehr den Mut zur Wildnis beweisen und uns
nicht mit ein paar „Biotopen“, als Landschaftsalmosen sozusagen, abspeisen lassen.
Vielmehr sollten die Naturschutzgebiete als Perlen eingebettet sein in eine Landschaft,
mit der wir insgesamt anständiger umgehen. Wir brauchen also künftig den Naturschutz
auf der Gesamtfläche. Und wir brauchen wieder einen Hauch von Wildnis in unserem Lande,
damit wir uns nicht ganz von der Natur entfernen. Das bedeutet einige Korrekturen
in unserer Denkweise: [Dazu gehört auch] das Eingeständnis bei uns Naturschützern
selbst, daß manche Pflege-Manie letztlich dem anthropozentrischen Wunschdenken entspricht,
die Natur so zu bewahren, wie wir sie gerne haben möchten.“

Wildnis hat eine natürliche und eine kulturelle Komponente. Eine Gesellschaft,
die Wildnis in ihrer ungebremsten Dynamik zuläßt, ja sogar wieder ermöglicht,
muß sehr weit entwickelt sein. Das setzt eine breite, mentale Akzeptanz in der
Bevölkerung voraus. Den Wert Wildnis zu erkennen, braucht es kein Überlebenstraining,
keine sündteure „Backpack“-Ausrüstung, keine Wildnis-Accessoires für den Zivilisations-
alltag. Dafür reicht ein Umdenken. Vielleicht ist da der biedere Zeitungsleser in der
morgendlichen Straßenbahn schon viel weiter, schon viel „wilder“, als so manches
Nordwand-Gesicht im matten Schimmer seines eindrucksvollen Outdoor-Outfits.