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Im Waldboden steckt noch immer Cäsium
Artikel aus der Chamer Zeitung vom 25.04.2006, von Elisabeth Geiling Plötz
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Chamer Zeitung, Karl Reitmeier)



Auch 20 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe
sind Schwammerl und Wildschweine radioaktiv belastet


Cham. Am 26. April 1984 hat sich die Welt verändert. Im Kernkraftwerk Tschernobyl explodierte der Reaktor. Die Folgen des "Super Gaus" sind heute noch spürbar, auch im Landkreis Cham. Pilze und Wildbret weisen nach wie vor zum Teil hohe Becquerel Werte auf. "Vor allem Wild- schweine sind stark belastet. Der Spitzenreiter, den wir bei unseren Messungen ermittelt haben, kam auf 17600 Becquerel", erinnert sich Artur Schmidbauer, Leiter des Amtes für Verbraucher- schutz und Gewerberecht im Landratsamt. Dabei liegt der Grenzwert gerade mal bei 600 Becquerel. Von 111 Wildschweinen, die die Lebensmittelüberwacher im vergangenen Jahr kontrolliert haben, wurden denn auch 38 ausgemustert und zur Tierkörperbeseitigungsanlage verfrachtet.
Pilzkontrolle an der Grenze
Seit fünf Jahren verfügt das Landratsamt über eine Radioaktivitätsmessstation, um an der Landes- grenze entsprechend den EU Vorschriften kontrollieren zu können. Pilze aus Osteuropa müssen nämlich erst auf ihre radioaktive Belastung hin geprüft werden, ehe sie importiert werden können. "Früher haben wir Proben genommen und ins Labor des Landesamtes geschickt. Der Spediteur musste dann drei Tage lang auf das Ergebnis warten", erinnert sich Schmidbauer. Nun können die Landkreismitarbeiter selbst testen und innerhalb von eineinhalb Stunden liegt das Ergebnis vor. "Bislang hatten wir noch keine Beanstandung", stellt Schmidbauer den Importeuren ein gutes Zeugnis aus. Im Mai beginnt wieder die Saison für die Pilze. Bis September kommt die Frischware über die Grenze, im Winterhalbjahr sind es dann die tiefgefrorenen oder mit Salz konservierten Pilze, die aus Osteuropa in die EU gebracht werden. Und alle müssen erst die Einfuhrkontrolle durchlaufen. Ein Angebot, das übrigens auch für die heimischen Schwammerlsucher gilt. Wer auf Nummer sicher gehen will und die gesammelten Pilze kontrollieren lassen möchte, dem helfen die Lebensmittelüberwacher weiter. "Doch nur wenige Schwammerlsucher nehmen das Angebot in Anspruch, weil die Pilze zerkleinert werden und damit nicht mehr zu verwenden sind", räumt Schmidbauer ein. 500 Gramm brauchen die Kreismitarbeiter für den Test.
Arbergebiet hat höchste Werte
Dass die Kontrolle allerdings ihren Sinn hat, beweist die Facharbeit, die die Chamerin Julia Schmidbauer vor drei Jahren erarbeitet hat. Sie suchte im gesamten Landkreis Maronenröhrlinge und untersuchte deren Cäsium-Belastung mit zum Teil erschreckend hohen Werten. Vor allem im Arbergebiet sowie im Bereich Rettenbach und Falkenstein. Manche Maronenröhrlinge wiesen Werte zwischen 800 und 1300 Becquerel auf.Gerade die waldreichen Gebiete sind hoch mit Cäsium 137 belastet für die Chamerin keine Überraschung. Ihre Erklärung: "Der Humus im Wald- boden ist nährstoffarm und sauer, was Schadstoffen wie Cäsium eine hohe Mobilität verleiht." Der Boden speichert daher Cäsium lange Zeit, in der Folge sind auch Waldfrüchte und Waldtiere einer hohen Belastung ausgesetzt. Das ist vor allem bei den Wildschweinen feststellbar. Die Vierbeiner durchstöbern mit Vorliebe den Waldboden, fressen Waldfrüchte und bunkern damit jede Menge Cäsium. Gerade aus den Gebieten, die auch bei den Schwammerln eine hohe Cäsiumbelastung aufweisen, kommen in der Folge auch die Wildschweine mit den höchsten Becquerelwerten. Das Fleisch von 111 Tiere wurde im vergangenen Jahr beim Landratsamt untersucht. Bei 38 Exemplaren wurde ein erhöhter Wert festgestellt, das Wildbret war damit nicht verkehrsfähig und musste beseitigt werden.
Entschädigung für die Jäger
Für die Waidmänner hält sich der Schaden, der ihnen durch die Beseitigung des Wildfleisches entsteht, in Grenzen. Können sie ein amtliches Messprotokoll sowie einen Entsorgungsnachweis von der Tierkörperbeseitigungsanstalt vorlegen, dann zahlt das Bundesumweltamt Köln eine Entschädigung von 200 Euro je Tier. Auch die Jägerkameradschaften haben sich mittlerweile solche Messgeräte für die radioaktive Belastung zugelegt. Denn laut Gesetz darf nur Wildbret in den Verkehr gebracht werden, dessen Strahlenbelastung unter dem Grenzwert liegt. Das Problem könnte sich mit ein bisschen Glück bis zum Jahr 2016 erledigt haben. "Bei uns spielt vor allem Cäsium 137 eine Rolle. Dessen Halbwertzeit liegt bei 30 Jahren", rechnet Artur Schmidbauer vor. Bis dahin wird er allerdings noch viele Proben auf den Tisch bekommen.